Schiffbrüchige sollen im Stich gelassen worden sein

2011
05.09

Der Spiegel berichtet heute online von im Stich gelassenen Schiffbrüchigen.  Stimmt es, früher war doch alles besser? Als ich vor elf Jahren berufsbedingt ins Ausland ging – will ich mich zumindest daran erinnern – schien eine Presserecherche etwas Verlässliches gewesen zu sein. Gerade beim Spiegel.
Dass man in Seenot geratenen Menschen helfen muss, steht außer Frage. Ich erlaube mir hier bewußt eine äußerst unangenehme Frage, ob ein Passagier eines Flüchtlingsschiffes nicht gerade mit einer solchen Situation rechnet, da sie – angeblich – wesentlich seine Chancen auf Aufnahme “auf der anderen Seite” erhöhen solle. Als Journalist sprach in in manchen Häfen mit Menschen, die sich auf eine solche Fahrt vorbereiteten. Ich war schockiert und sprachlos, als ich den Satz hörte: wenn eines meiner drei Kinder dabei stirbt, ich den zwei anderen dennoch damit ein besseres Leben in Europa verschaffe, nehme ich es in Kauf. Damit wird ersichtlich, welches Risiko solche Menschen bereit anzugehen sind. Eigene Kinder bewusst zu gefährden, ist jedoch strafbar. 2007 wurde in Polen sehr ausführlich der Fall einer Tschetschenin behandelt, die, schlechtes Wetter in den Ostbeskiden (Bieszczady) wohl wissend, mit vier Kindern den Marsch über die grüne Grenze – von der Ukraine nach Polen – riskierte. Drei ihrer Kinder (13,10 und 6 Jahre alt) erfroren dabei.

Der Spiegel-Artikel scheint leider mehr zu suggerieren als dass er informiert. Außer dem sehr gewagten Spiel mit Emotionen geht es hier um zwei Stichworte: “schiffbrüchig” ist das eine, der “unidentifizierter” Hubschrauber, der im Text genannt wird und der ankommende Hilfe scheinbar vorsätzlich lügend verspricht, das zweite. Schiffbruch – laut Definition – ist ein Unglück mit einem Schiff auf dem Wasser, bei dem das Wasserfahrzeug in Seenot geraten ist und aufgegeben werden muss. Als Ursachen fungieren hierfür u.a. Havarie (z.B. Motorschaden), Kentern, Stranden, Auflaufen auf Felsen oder Riffe, Untiefen und/oder schwere Schäden (z. B. Feuer und/oder Leck).
Erst, wenn die Passagiere und die Schiffsbesatzung, um sich zu retten, das Schiff aufgeben, gelten sie als Schiffbrüchige. Ansonsten sind es in Seenot geratene Menschen. In dem beschriebenen Fall ist jedoch die Rede davon, dem Flüchtlingsboot sei der Treibstoff ausgegangen.
Übertragen auf den Straßenverkehr: beinahe jeder, dem auf der Autobahn Benzin ausgeht, wird bestraft. Kraftstoffmangel ist vorhersehbar, was bedeutet, dass damit ein zumindest fahrlässiges Handeln begründet werden kann.
Bei den angeblichen Schiffbrüchigen handelt es sich somit um illegale Flüchtlinge, deren Kapitän grob fahrlässig handelte (alleine auf das Wasserfahrzeug bezogen).

Foto: Ein Hubschrauber der US Navy / US Navy, Mate 2nd Class William H. Ramsey

Foto: Ein Hubschrauber der US Navy / US Navy, Mate 2nd Class William H. Ramsey

Weiterhin wird behauptet, ein Militärhubschrauber unbekannter Herkunft näherte sich dem Boot, das sich zu diesem Zeitpunkt etwa 60 Meilen (97 Kilometer) vor der libyschen Küste befand. Die Piloten hätten Wasser und Kekse abgeworfen und erklärt, Hilfe sei auf dem Weg, der Kapitän solle das Boot auf Kurs halten. Dann sei der Helikopter mit dem Schriftzug “Army” einfach verschwunden.
Mehrere Leserkommentare unter dem Artikel machen auf äußerst fragwürdige Art und Weise die amerikanischen Streitkräfte hierfür verantwortlich.
Dies, da weder italienische noch maltesische oder libysche Hubschrauber die Aufschrift Army tragen.

Foto: Ein Hubschrauber der US Marines / US Marines, Cpl. Rashaun X. James

Foto: Ein Hubschrauber der US Marines / US Marines, Cpl. Rashaun X. James

Einen solchen Schriftzug tragen aber auch keine amerikanischen Hubschrauber. Die einzigen amerikanischen in dieser Region in Frage kommenden Hubschrauber gehören der US Navy: sie tragen seitwärts den Schriftzug Navy. Bei Briten heißt dieser Royal Navy. Sonstige militärische US-Hubschrauber tragen andere “Erkennungsmarken”, Schriftzüge wie Marines oder United States Army. Hin und wieder gibt es Black Hawks, die gar keine Bezeichnung tragen, diese unternehmen jedoch keine Flüge über dem Meer. Schwer zu glauben ist auch, dass jemand die Aufschrift “Army” erkennen kann, jedoch nicht “United States”.
Last but not least: aus erster Hand weiß ich, wie penibel die Überprüfung eines Fluges während seiner Dauer bei der deutschen Marine ist und wie detailliert die Briefings davor und danach. Es ist schlicht unmöglich, jemandem Hilfe zu versprechen ohne dass es gleichzeitig die Fluglotsen eigener Einheit erfahren, abgesehen von der eignen Besatzung. Weder Amerikaner noch ein anderer NATO-Mitgliedsstaat würde sich so etwas leisten. Wessen Hubschrauber halfen zuerst nach dem Tsunami in Indonesien oder auf Haiti und wer brachte die meisten Hubschrauber zu beiden verwüsteten Ländern? Die USA.
Solche ungeprüften Zeugenaussagen sind fragwürdig und unseriös; entweder hat sich jemand diesen Teil der Geschichte ausgedacht und belog die Journalisten oder aber entstand der Satz in einer Redaktion. Wie auch immer diese Information entstand, ein aufmerksamer Journalist hätte es merken müssen. Zumindest war es seine berufliche Pflicht. Mehr als antiamerikanische Häme einmal mehr auszulösen, brachte der Text nicht hervor.

Foto: Ein Hubschrauber der US Army / US Army, Sgt. Travis Zielinski

Foto: Ein Hubschrauber der US Army / US Army, Sgt. Travis Zielinski

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16 Responses to “Schiffbrüchige sollen im Stich gelassen worden sein”

  1. andy sagt:

    Ich machte mir die Mühe, mehr über die beiden Autoren zu erfahren.

    Slavistik, Italianistik, Theater und Medien, Aufbaustudium Deutsch als Fremdsprache
    beziehungsweise
    Zivildienst als Rettungssanitäter in Hamburg, Trampreise von Eutin nach Indien, Studium der Geschichte und Literatur

    Mein Fazit: der Spiegel, die Schmiede des Journalismus.

  2. martin sagt:

    @ andy:

    war vielleicht zu direkt. könnte dennoch durchaus stimmen. wenn sich die redaktion leute leistet, die auf knie und mithilfe des internets schreiben, kommt solch ein pulitzer zustande.

  3. martinez sagt:

    Ich frag mich nur, was, wenn alle anderen Artikel auch von solchen Kennern des Faches geschrieben worden sind. Dann… na ja, dann ist im Grunde sowohl der Euro, wie auch Brüssel möglich ;) ))

  4. cliff sagt:

    leo, danke schoen. ich diente als amerikaner lange genug in deutschland, um das land zu achten, zu moegen und (jezt) zu vermisen. aber manchmal, da zieht ihr ueber uns her mit so duennen argumantation, man glaubt es nich.

  5. bernd sagt:

    @ cliff:

    Ich würde es nicht so ernst nehmen. Wir achten auch nicht sonderlich darauf, was über uns FOX News heraus posaunt. Wobei der Spiegel zu qualitativ besseren Medien zu zählen wäre, eher Washingto Post. Na ja, vielleicht hat wirklich alles halt sein Ende.
    Dass es ein US-Hubschrauber war, glaub ich auch nicht. Der Spiegel-Text ist Schmiere. Es spiegelt sich auch in den Kommentaren und wie die Leser darauf reagieren.
    Tja, Deutschland ist nicht mehr das, was es mal war. Noch vor nicht allzu langer Zeit.
    In diesem Sinne ;) )

  6. andy sagt:

    @ martin:

    warum zu direkt? es ist doch so, dass ein journalist sich weit mehr bei seiner recherche anstrengen sollte. der beruf hat eine weitreichende verantwortung uns gegenüber, ob als leser oder gesellschaft. füttert man uns nur mit schrott, können wir direkt ins mittelalter zurück. für aus dem daumen gezogene news brauche ich kein medium wie den spiegel, dafür gehe ich ins kino.
    und wenn sie die kommentare unter dem artikel aufmerksam lesen, werden sie merken, was ich damit meine.
    man regt sich bei der lektüre auf, weil man buchstäblich für dumm verkauft wird. jemand, der solchen werdegang vorzuweisen hat, wie die beiden autoren, sollte über geschichte, literatur, theater oder kultur schreiben. jedoch nicht über politik, wirschaftsflüchtlinge und maritime thematik. sonst kommt das am ende heraus, worüber wir uns hier unterhalten.
    außerdem scheinen die beiden redaktoren einen artikel aus dem guardian übersetzt und umgebaut zu haben. dann ist es wirklich auf dem knie und mithilfe des netztes geschrieben, wie jemand hier es schon bemerkte.
    fazit: bild-hafte arbeit wird salonfähig auch in anderen redaktionen.

  7. Tobias sagt:

    bilder der drei hubschrauber sollten in dieser weise beim spiegel präsentiert werden. würde man lesen, dass die ganze angelegenheit äußerst ernst sei, da so viele menschen ums leben kamen, und dennoch manche informationen scheinen nicht ganz haltbar zu sein, würde man die geschichte kaufen. es gäbe keine häme den amerikanern und keinen zynismus den flüchtlingen gegenüber. so aber schoss sich der spiegel selbst ins knie.
    ich las das magazin beinahe 10 jahre. die letzten zwei gaben immer öfter anlass zur sorge, was die arbeit der redaktion anging. meine konsequenzen sind taschen-bedingt. für solche qualität brauch ich nicht zu bezahlen. das ist das geld sicherer im gesamtbetrag des taschengeldes meiner kinder angelegt. momentan lese ich lieber französische top-zeitschriften.

  8. croxy sagt:

    Eines ist klar: Wer an der falschen Stelle spart, macht sich selbst ins Geschäft. Seit langem gibt es Seiten im Netz, wo der Spiegel komplett und frisch verlegt jede Woche gratis gezogen werden kann. Piraterie? Mitnichten.
    Ich kenne einen niederländischen Journalisten, der solche Pintmedien-Netzfälle recherchierte. Es ging dabei um namhafte Medien, nicht “Kicker” oder so was.
    Was stellte sich heraus?
    Ehemalige Mitarbeiter der Redaktion (Journalisten!), langjährige Abo-Bezieher, sehr nah der Redaktion stehende Menschen scannen die Magazine ein oder beziehen aus den Druckereien die org. Dateien: Alles aus Frust vor der fallenden Moral, “Ordern von oben, was geschrieben werden soll”, schlechter Bezahlung, permanenten Auswahl immer derselben Autoren, wenn es um interessante und weit in die Welt führende Recherche geht, und absackendem Niveau. Viele der CracksGyus gaben angeblich zu, sie fühlen sich ver…t: So viele Jahre blieben sie dem Magazin treu, als Leser oder aber arbeiteten direkt für das Medium und erleben immer mehr Frust an der Lektüre oder Mitarbeit. Entsprechende Leserbriefe oder redaktionelles Auflehnen wurde jedoch stets ignoriert. So wurden aus ihnen im gewissen Sinne Jungs (und Mädels!) a la Jack Sparrow.
    Zwischen Liebe und Hass gibt es angeblich nur einen einzigen Schritt… Somit müsste man sagen, liebe Spiegel-Redaktion, machen Sie weiter so: eines Tages erwacht man dann in einer Newsweek-ähnlichen Situation.

  9. bug&heck sagt:

    @ croxy:

    Erschreckend aber auch nachvollziehbar. Presse wird immer mehr zur Partei-Privatarmee, anstatt uns neutral und souverän zu informieren.
    Und irgendwie wirkt es beruhigend. Nicht nur bei uns, in angeblich muffigen Privatunternehmen gibt Maulwürfe, die mal die Nase voll haben, sondern auch bei der Presse. Die stets weiße Weste scheint doch etwas grauer geworden zu sein.

  10. annika sagt:

    Selbst anerkannte Journalisten kommen auf “fragwürdige” Ideen. Bestes Beispiel: René Pfister.

  11. Georg sagt:

    Weiterhin aktuell: Wann wird es eine fundierte, interessante, spannende Fachzeitschrift geben, die nicht nur für die links orientierten Intellektuellen gemacht wird?

  12. sebastian sagt:

    @ georg:

    it`s still science fiction.

  13. thomas sagt:

    René Pfister? Der Mann sollte Versicherungsverkäufer werden, bei dem Talent zum “echt-erlebt-und-dabei-gewesen”.
    Stephanie Nannen schrieb im Hamburger Abendblatt: Es sei ein handfester Skandal. Die beste Reportage 2010 ist eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Sie sei nicht echt und ein Betrug an der Wahrheit.

    Und jetzt: WER WAR GEGEN DIE ABERKENNUNG DES PREISES:
    Mathias Müller von Blumencron; Mitglied der Spiegel-Chefredaktion
    Peter-Matthias Gaede; Chefredakteur Geo
    Frank Schirrmacher; Herausgeber Frankfurter Allgemeine Zeitung

    In der Spiegel-Redaktion war man gar der Meinung, die Aberkennung sei maßlos übertrieben. Kann sich das einer vorstellen? Guttenberg wurde, wenn ich mich nicht irre, für ein falsches Spiel gekreuzigt. Aber ein linksorientierter Journalist? Nota bene, freiwillig wollte der Herr den Preis nicht abgeben. Irgendwie bekannt.
    Und so werden wir meistens mit solch entstandenen Stories gefüttert. Jeder, der Zugang zum Netz hat – sollte es diesen angeblichen Gratis-Download des Spiegel geben – müsste den Link zugeschickt bekommen. Würde zwei Monate keiner das Zeug kaufen, würde die hochverehrte Redaktion merken, das wir die Leserinnen und Leser sind. Und wir lesen gerne gut recherchierte Artikel.

    Gruß an alle,
    Thomas

  14. jens sagt:

    Vielleicht geht der Preis 2013 an Annette Langer und Jonathan Stock (Autoren des hier zitierten Artikels) ;) ))
    Immer mehr Journalisten sollten eigentlich Romane im Still eines Karl May verfassen.

  15. Stefan sagt:

    Man muss sich fragen, wohin uns solche Berichte hinführen. Solche Lügen animieren solche fragwürdigen Wendepunkte, wie gerade im Hamburger Piraten Prozess. Ich bin neugierig, ob sich mal die niederländische Marine noch dafür erwärmen wird, einen deutschen Frachter zu befreien.

  16. luis sagt:

    Spiegel-Arbeit einmal mehr auf professionelle Art und Weise entmystifiziert. Danke!

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